Das ganze viele Dingsbums

Brief 44

Hast du auch manchmal den Eindruck, dass andere Menschlein in einer komplett anderen Welt leben als du?

Das ist mir auf unserer letzten Tour mal wieder aufgefallen. Wir haben viele Freunde, Bekannte und natürlich die heilige Verwandtschaft besucht und ich finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Leutchen so leben.

Nicht nur, was sie essen oder wie sie ihre Sofakissen hinlegen. Sondern auch, wie viel Zeug sie um sich herum haben.

Ich hab mal wieder gemerkt, wie froh ich darüber bin, dass beim Trommler und mir alles seinen Platz hat. Ich weiß. Das hab ich dir schon ungefähr siebzehnmal in meinen Büchern und Briefen erzählt. Aber diesmal ist mir eine neue Nuance an dieser Tatsache aufgefallen:

Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass die Menschlein nicht wissen, wo ihre Sachen hingehören.

Vielleicht haben sie einfach zu viele Sachen.

Bei uns gibt es zum Beispiel keine alten, schimmeligen Marmeladengläser hinten im Kühlschrank. Das liegt allerdings hauptsächlich daran, dass der Trommler jedes Marmeladenglas schon ausgeschleckt hat, bevor es überhaupt auf die Idee kommen kann, hinten im Kühlschrank zu landen.

Abgelaufene Lebensmittel oder kaputte Dinge findet man bei uns eher selten.

Alles, was ich hier gerade sehe, während ich dir schreibe, ist sauber, in Ordnung und wird tatsächlich benutzt. Sogar die Postkarten an meiner umhäkelten Wimpelkette an der Wand. Die hängen da nicht einfach herum, weil ich irgendwann dachte: „Ach, die sind hübsch, die behalte ich mal.“

Ich gucke sie jeden Tag an. Sie inspirieren mich. Sie erinnern mich an Dinge, die mir wichtig sind und helfen mir, mich dafür zu entscheiden, wofür die Person, die ich sein will, sich entscheiden würde.

Wenn sie das irgendwann nicht mehr tun sollten, dann werde ich sie sofort entsorgen.

Und da liegt für mich der Unterschied:

Ich möchte von Dingen umgeben sein, die mir dienen oder mich inspirieren. Nicht von Dingen, um die ich mich kümmern muss. Jedes kleine Dingsbums, das wir besitzen bedarf irgendeiner Art von Aufmerksamkeit. Deshalb sag ich es nochmal ganz deutlich:

Je weniger man hat, desto weniger muss man sich um etwas kümmern!!!!

Es scheint nach dem Gesetz der Ansziehungskraft zu funktionieren: Irgendwann wird aus ein bisschen Krempel immer ein kleines Krempel-Imperium. Man hat plötzlich Krempel über Krempel und weiß gar nicht mehr, wo man anfangen soll. Deshalb mache ich etwas ganz Einfaches:

Einmal in der Woche gucke ich mich in meinem Zimmer um und frage mich:

Was benutze ich nicht mehr?

Ich mach das Montags. Mit meiner ersten Tasse Tee.

Was mir nicht mehr dient, darf gehen. Und weil ich das so regelmäßig mache, ist das inzwischen wirklich nur noch eine wöchentliche Kleinigkeit. Manchmal ist es sogar nix. Ich hab mich selbst quasi entkrempelt. Und das tut soooooo gut!

Deshalb will ich dir diese Methode heute mal unterjubeln…

Vielleicht trifft das ja auf dich nicht zu und du hast auch nur die Dinge um dich rum, die dich auch wirklich im Leben begleiten sollen, aber wenn du jetzt gerade denkst:

„Jeaninechen… bei mir müsste man eigentlich mal mit einem Bagger anfangen.“

Dann mach es kleiner.

Such dir einen Raum aus, in dem du viel Zeit verbringst. Und dann such dir eine einzige Sache, die du nicht mehr benutzt oder die dir nichts mehr bringt.

Nur eine.

Vielleicht eine Tasse. Eine alte Sonnenbrille. Ein Kleidungsstück. Ein kaputtes Dingsbums.

Und wenn du gerade erst anfängst, kannst du daraus sogar eine kleine Morgenroutine machen:

Eine Sache am Tag darf gehen. Mach es wirklich gleich morgens. Dann „hast du es schon gemacht“, bevor der Tag so richtig los geht. Fang im Bad an. Beim Zähneputzen. Das ist viel fluffiger, als zu versuchen, einen ganzen Samstag lang dein eigenes Leben zu entrümpeln. Du machst einfach jeden Tag ein winziges Stückchen Platz.

Das ist wirklich ein zauberhaftes Gefühl, was dann entsteht… wir entrümpeln mit dieser Methode nämlich nicht nur unsere Räume. Wir entscheiden immer wieder neu, was wir in unserem Leben behalten möchten.

Was dient mir noch?

Was inspiriert mich?

Und was lenkt mich eigentlich nur ab?

Im Prinzip braucht es gar nicht mehr. Vielleicht benötigen wir manchmal einfach ein bisschen weniger Zeug, damit wir wieder sehen können, was längst da ist. Und falls du heute irgendwo sitzt und dabei auf irgendeinen Gegenstand guckst, den du seit drei Jahren nicht mehr benutzt hast, dann sag ihm ganz freundlich, aber direkt:

„Du warst ein gutes Dingsbums. Aber ich glaub, deine Zeit bei mir ist vorbei.“

Und dann darf er weiterziehen.

Ein kleines bisschen Platz. Ein kleines bisschen Luft. Und dein Leben entrümpelt sich.

Das ist das, was ich dir wünsche.

Bis zum nächsten Mal.

Ich drück dich,
Deine Jeanine

Du hast zu viel Krempel?

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Nimm jetzt gleich ein Dingsbums...

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…nur eines! Und dann lass es los.

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