Kleine Zappelfüßchen
Brief 43
Wann hast du mal zurückgeschaut?
Nicht um festzustellen, was alles nicht geklappt hat. Sondern um zu gucken, wer du inzwischen geworden bist? Ich hab das gestern gemacht.
Also… eigentlich hab ich gar nicht bewusst zurückgeschaut. Ich war nur mit dem Trommler lecker essen und dann ist mir mitten im Restaurant etwas aufgefallen:
Meine Füße.
Sie standen einfach da.
Seit wir angekommen waren.
Ich hatte sie nicht bewegt.
Kein Wippen.
Kein Zappeln.
Kein „Ich muss mal eben mit dem Fuß irgendwohin“.
Nix.
Und da musste ich auf einmal wohlig schmunzeln. Denn ich erinnerte mich an eine Geschichte, die schon sehr, sehr lange zurückliegt.
Der Trommler und ich waren damals irgendwo auf Tour in einem wunderschönen Hotel untergebracht. Beim Frühstück saß ein großer Mann im Raum. Er hatte den Rücken zu mir und ich fand ihn unglaublich beeindruckend.
Dieser Mann bewegte sich nämlich: GAR NICHT.
Also zumindest fast gar nicht.
Er saß da, frühstückte und hatte diese unfassbar stoische Ruhe an sich. Kein Herumgezappel. Keine unnötigen Bewegungen. Kein hektisches Hin und Her.
Und ich? Ich saß in dem Raum und hatte das Gefühl, meine Füße allein hätten inzwischen schon drei Frühstücksrunden gedreht… Ich war total fasziniert. Und ich weiß noch ganz genau, dass ich dachte:
„So möchte ich auch mal sein. So ruhig. Was muss ich dafür nur machen?“
Damals hatte ich mit dem Meditieren noch nicht wirklich viel Erfahrung. Geschweige denn Übung. Ich ahnte aber, dass mir das die ersehnte Ruhe offenbaren könnte. Also begann ich, mich viel intensiver damit zu beschäftigen. Als Selbstexperiment sozusagen… mit der Meditation. Mit Persönlichkeitsentwicklung. Mit all dem Gedöns, das einem irgendwann dabei hilft, sich selbst ein bisschen besser kennenzulernen. Mit dem Zeug von dem ich dir hier immer wieder schreibe.
Und gestern saß ich da.
Mit dem Trommler.
Beim Essen.
Und plötzlich dachte ich:
„Halt mal… meine kleinen Zuckerfüßchen bewegen sich ja gar nicht!!!“
Genau das, was ich damals bei diesem fremden Mann bewundert hatte, war inzwischen einfach da. Nicht erlernt für diesen einen Moment. Nicht angestrengt. Nicht nach dem Motto: „So. Jetzt sitze ich mal schön stoisch. Hoffentlich sieht das jemand.“
Es war einfach passiert.
Ich war ruhig.
Und ich hatte es nicht einmal bemerkt.
Wir sind oft viel schlechter darin, unser eigenes Wachstum zu erkennen, als wir darin sind, unsere eigenen Fehler zu finden. Wenn etwas nicht funktioniert, merken wir das sofort. Wenn wir etwas noch nicht können, wissen wir es. Wenn wir wieder in ein altes Muster gerutscht sind, denken wir:
„Na toll. Immer noch nicht weiter.“
Aber was ist mit all den Dingen, die inzwischen selbstverständlich geworden sind? Mit den Dingen, für die unser früheres Ich vielleicht unglaublich dankbar wäre? Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich persönliches Wachstum manchmal gar nicht nach Wachstum anfühlt. Denn wenn wir etwas zum ersten Mal schaffen, freuen wir uns.
Natürlich.
Wir haben etwas erreicht!
Aber wenn wir es hundertmal gemacht haben, ist es plötzlich normal. Wir merken gar nicht mehr, dass es einmal schwierig war. Und deshalb glaube ich, dass wir zwischendurch unbedingt mal zurückschauen sollten. Nicht, um uns auf die Schulter zu klopfen und zu sagen:
„Guck mal, wie toll ich bin.“
Sondern um uns selbst überhaupt sichtbar zu machen, wie weit wir schon gegangen sind. Vielleicht warst du vor fünf Jahren noch unglaublich unsicher. Vielleicht hast du dich ständig überfordert. Vielleicht konntest du nicht Nein sagen. Vielleicht hast du dich kaum getraut, etwas Neues auszuprobieren. Vielleicht warst du ständig auf der Suche nach Anerkennung.
Und heute?
Vielleicht kannst du inzwischen Nein sagen. Vielleicht hörst du deinen Körper früher. Vielleicht kannst du besser mit dir allein sein.Vielleicht probierst du Dinge aus, vor denen du früher Angst hattest. Vielleicht bist du einfach ein kleines bisschen freundlicher mit dir geworden.
Und vielleicht fühlt sich das für dich überhaupt nicht spektakulär an.
Weil du inzwischen mittendrin stehst.
Genau wie ich gestern im Restaurant. Ich saß da und hatte keine Ahnung, dass gerade eine ziemlich alte Version von mir irgendwo hinten in meinem Oberstübchen jubelnd auf dem Tisch stand und rief:
„GUCK MAL, JEANINECHEN!!! DEINE ZAPPELFÜSSE!!!“
Deshalb hab ich heute eine kleine Bitte an dich:
Schau mal zurück. Nicht auf alles. Nur auf eine Sache, bei der du dich in den letzten Jahren verändern wolltest. Und dann frag dich:
„Was kann ich heute, was damals noch schwierig für mich war?“
Vielleicht findest du etwas. Und vielleicht ist es gar nichts Großes. Vielleicht ist es nur ein ruhigerer Atemzug. Ein Nein. Ein Ja. Eine Entscheidung. Eine Reaktion, die heute anders ausfällt als früher.
Oder vielleicht stehen deine Füße einfach plötzlich still.
Und dann darfst du dir ruhig einmal sagen:
„Ach guck an. Da bin ich ja tatsächlich ein ganz schönes Stück gegangen.“
Das ist nämlich das Schöne am Wachsen: Es geht nicht darum, dass wir irgendwann irgendwo ankommen. Wir merken einfach nur auf einmal, dass wir längst nicht mehr die Person sind, die damals unbedingt irgendwohin wollte.
Und das ist doch eigentlich ziemlich dufte.
Ich wünsche dir heute einen kleinen Rückblick.
Nicht kritisch. Und nicht mit Rotstift. Sondern mit einem liebevollen:
„Na, schau einer an…“
Und vielleicht entdeckst du dabei etwas, das du schon lange kannst, aber längst vergessen hast, dass du es einmal lernen wolltest. Und falls du gerade irgendwo sitzt und deine Zuckerfüßchen stillhalten… Dann weißt du ja jetzt:
Das zählt!
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
Hast du dich entwickelt?
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Schau ruhig auch mal zurück.
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Und freu dich, wie weit du schon gekommen bist…
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