Der wichtigste Teil

Brief 42

Bist du schon da?

Ich ganz oft nicht. Aber dafür kann ich dir berichten: Ich hab einen neuen Satz!!!

Also eigentlich sind es nur sieben Wörter. Aber diese paar Wörter haben in meinem Kopf in letzter Zeit erstaunlich viel aufgeräumt. Und mein Körper merkt es auch. Mein Satz ist:

„Das ist jetzt der wichtigste Teil meines Tages.“

Upsala… das sind ja acht Wörter!

Egal. Erstmal klingt der Satz jedenfalls ein bisschen unscheinbar, nicht wahr? Fast so, als hätte einer von diesen Lebenscoach-Typen ihn auf seinen Kaffeebecher drucken lassen. Aber für mich ist dieser Satz inzwischen eine richtig große Nummer.

Denn ich hab da nämlich so ein kleines Problemchen. Davon hab ich dir berichtet. Und ich weiß, dass dir das ab und an auch mal so geht. Deshalb schreiben wir zwei uns ja diese Briefe hier:

In unserem Kopf wohnen grundsätzlich ungefähr siebzehn Dinge gleichzeitig. Während man morgens meditiert, denkt man manchmal daran, dass man später noch Yoga machen möchte. Während man Yoga macht, fällt einem ein, dass man noch Spanisch lernen wollte. Beim Spanischlernen denkt man an das Gedöns, das man „im Büro“ zu erledigen hat und dort hat man im Kopf, was man noch einkaufen muss. Und beim Einkaufen überlegt man, wann man eigentlich wieder meditieren sollte.

Sehr effizient. Oder halt auch nicht!

Und unser Körper? Der findet dieses ganze Konzept irgendwann überhaupt nicht mehr lustig. Denn während wir etwas tun, zieht im Köpfchen bereits die nächste Aufgabe an uns vorbei. Keine Ahnung, wie das bei dir so ist, aber mein Körper verspannt sich bei diesem Rumperlumpeln voll. Bei mir ist es der untere Rücken. Der zieht sich so ganz unangenehm zusammen und ich wusste lange nicht, wie ich diesen inneren Zug loslassen sollte. Bis ich erst vor ein paar Tagen angefangen hab, mir vor und vor allem auch während einer Tätigkeit einen ganz einfachen Satz zu sagen:

„Das ist jetzt der wichtigste Teil meines Tages.“

Und zwar wirklich bei allem. Beim Meditieren. Beim Yoga. Beim Spanischlernen. Bei der Büroarbeit. Beim Schreiben. Sogar jetzt gerade. Während ich diese Zeilen schreibe, ist das hier für mich der wichtigste Teil meines Tages.

Nicht, weil er objektiv wichtiger ist als alle anderen. Sondern weil er jetzt gerade dran ist.

Und plötzlich passiert etwas volle Kanne Tolles. Mein Gehirn darf aufhören, mir die restliche To-do-Liste unter die Nase zu halten. Denn HALLO!?! Ich mache ja gerade schon das Wichtigste. Was soll ich denn jetzt noch gleichzeitig schaffen?

Das ist für mich der eigentliche Trick.

Ich brauche in diesem Moment nichts aufzuholen. Nichts vorzubereiten. Nichts gleichzeitig zu erledigen. Ich bin bereits mitten in der wichtigsten Sache meines Tages.

Und das Lustige ist: Der wichtigste Teil meines Tages wechselt ständig.

Zehn Minuten später ist es vielleicht das Wichtigste meines Tages, mit dem Trommler ein Käffchen zu trinken. Danach vielleicht, eine Mail zu beantworten. Dann eine Runde spazieren zu gehen. Oder fünf Minuten einfach nur aus dem Fenster zu gucken, um dabei still ein Vöglein zu beobachten.

Natürlich könnte man jetzt sagen:

„Ja aber Jeanine, ALLES kann doch nicht das Wichtigste sein!“

Doch.

Für den Moment schon.

Denn vielleicht machen wir uns das Leben oft deshalb so schwer, weil wir nie nur eine Sache machen. Wir machen eine Sache und denken gleichzeitig an fünf andere. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, mit einem Fuß auf fünf verschiedenen Treppenstufen gleichzeitig zu stehen.

Kann man versuchen.

Sieht bestimmt auch lustig aus.

Aber entspannt ist anders.

Vielleicht funktioniert für dich ja auch ein ganz anderes Wort besser. Für mich ist es „das Wichtigste“, weil mein Gehirn jahrzehntelang hauptsächlich dachte:

„Schaffen, schaffen, schaffen!“ Von dem Muster hab ich dir ja schon mal berichtet. Aber ich schwöre hiermit hoch und heilig… es funktioniert: Wenn ich mir sage, dass das, was ich gerade tue, das Wichtigste ist, kann mein kleiner innerer Kartoffelklaus endlich kurz die Klappe halten.

Kommt drauf an, was dein persönliches Zeug so ist… was bei dir deine Themen sind… dann funktioniert natürlich eher etwas anderes.

Wenn man zum Beispiel ständig denkt, dass der nächste Moment bestimmt mehr Spaß machen wird, dann hilft eher „Das ist jetzt der schönste Teil meines Tages.“

Oder:

Für Menschen, die immer überlegen, ob sie gerade auch wirklich das Richtige tun: „Das ist genau das, was jetzt dran ist.“

Oder vielleicht einfach ein allgemeiner Satz:

„Das hier reicht jetzt.“

Finde deinen eigenen, denn ich glaube, jeder von uns muss da seinen ganz persönlichen Satz bauen. Einen, bei dem das Gehirn kurz innehält und sagt:

„Ach sooooo… na gut. Dann machen wir eben jetzt genau das. Und nur das.“

Denn vielleicht müssen wir gar nicht lernen, noch mehr Dinge in einen Tag hineinzupressen. Vielleicht müssen wir einem einzigen Moment einfach mal die Erlaubnis geben, genug zu sein.

Ich weiß inzwischen: Wenn ich meditiere und gleichzeitig darüber nachdenke, was ich danach noch alles schaffen will, meditiere ich nicht. Dann sitze ich lediglich sehr still da und habe Stress.

Und wenn ich Yoga mache und gedanklich schon im Büro bin, dann macht zwar mein Körper den herabschauenden Hund, mein Gehirn aber läuft längst meine Listen durch.

Deshalb funktioniert dieser kleine Satz für mich so gut:

„Das ist jetzt der wichtigste Teil meines Tages.“

Vielleicht probierst du es einfach mal aus. Nicht für den ganzen Tag. Nur für die Sache, die du gerade machst.

Egal, ob du arbeitest, kochst, spazieren gehst, mit einem Menschen redest, den du knuddeln willst, oder gerade fünf Minuten auf dem Sofa sitzt und absolut gar nichts Produktives zustande bringst.

Sag dir dein eigenes Äquivalent für:

„Das ist jetzt der wichtigste Teil meines Tages!“

Und dann bleib kurz da.

Nicht schon beim nächsten Punkt. Nicht bei dem, was gestern war. Und auch nicht bei den siebenundvierzig Dingen, die theoretisch noch erledigt werden könnten.

Die laufen ja nicht weg.

Ich wünsche dir heute mindestens einen Moment, in dem du nicht gleichzeitig noch woanders sein musst.

Einen Moment, in dem du deinem Gehirn sagen kannst:

„Alles gut. Ich bin schon da.“

 

Bis zum nächsten Mal.

Ich drück dich,

Deine Jeanine

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Sowas wie: „Das ist jetzt der wichtigste Teil meines Tages!!“

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