Die Hecke von innen
Brief 37
Woran merkt man eigentlich, dass etwas wirklich gesund ist?
Ich hab letztens eine Hecke gesehen.
So eine richtig schöne. Von außen war sie der totale Knaller. Dicht. Grün. Voller Blätter. Alles leuchtete. Ich dachte sofort: Meine Güte… die hat ihr Leben ja wirklich im Griff.
Doch als ich um sie herum ging, sah ich, dass irgendwer beschlossen hatte, an dieser Hecke herumzusägen. Die ganze Vorderseite war weg. Und plötzlich konnte man von der Seite direkt ins Innenleben schauen. Und ich sag dir: Da gingen bei mir aber die Augenbrauen hoch!!
Denn innen war… gar keine grüne Wunderwelt.
Da war Holz.
Verästeltes Zeug.
Braune Äste.
Verholzte Struktur.
Fast ein bisschen Endzeit.
Und trotzdem wurde mir genau in diesem Moment klar: Ach so. Deshalb kann die außen so leuchten. Weil innen nicht überall Blätter wachsen.
Innen wird getragen.
Innen wird gehalten.
Innen wird aufgebaut.
Und ich musste plötzlich an uns Menschen denken.
Wir sehen ja meistens die Außenseite. Die Bühne. Die Leichtigkeit. Die Disziplin. Die Fitness. Die Gelassenheit. Die Gute Laune. Und wir denken: Boah. Der Mensch hat es aber drauf. Dabei sehen wir die verholzten Äste nicht. Die Routinen. Die Wiederholungen. Die Tage ohne Motivation. Die Male, an denen jemand trotzdem weitergemacht hat. Nicht weil es gerade flutschte. Sondern genau dann, wenn es nicht flutschte.
Wie schön, dass das wissenschaftlich mal wieder ziemlich spannend ist: Unser Gehirn speichert nicht besonders gut, wie oft wir gewonnen oder verloren haben. Aber es speichert erstaunlich zuverlässig Muster. Gewohnheiten. Abläufe. Das, was wir wiederholen. Die gute Nachricht daran: Die Gewohnheiten reisen mit. Ein guter Tag vergeht. Ein schlechter Tag vergeht. Aber das, was du dir aufgebaut hast, bleibt.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass wir manchmal den falschen Teil unseres Lebens bewundern.
Wir schauen auf die Blätter.
Dabei entsteht das Schöne oft durch das Holz. Nicht jede Runde wird gewonnen. Nicht jeder Tag wird dufte. Nicht jedes Konzert ist grandios. Nicht jede Sporteinheit fühlt sich sinnvoll an.
Aber jedes Mal, wenn du trotzdem dran bleibst… wächst innen etwas. Und irgendwann sieht man es außen. Vielleicht ist das die eigentliche Magie von Routine:
Dass sie nicht fragt, wie der Punktestand ist. Sondern einfach weiterwächst. Ein kleines Stück. Jeden Tag.
Ich wünsch dir heute deshalb nicht unbedingt einen perfekten Tag.
Ich wünsch dir einen Tag, an dem du dein kleines Stück Holz wachsen lässt.
Und vielleicht fragst du dich heute Abend einfach:
Welchen Ast hab ich heute gestärkt, auch wenn noch keine Blätter dran waren?
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
Welcher Teil von dir sieht innen schon viel stabiler aus, als er außen wirkt?
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Vertrau dem Holz!
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Die Blätter kommen später.
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