Dein Reservelämpchen

Brief 39

Wann hast du das letzte Mal auf deinen Körper gehört… bevor er laut werden musste?

Ich finde das eine ziemlich spannende Frage.

Denn mein Körper ist ausgesprochen höflich. Er fängt immer ganz leise an. Er schickt mir kleine Hinweise. Wie kleine Post-its. Wenn ich die alle übersehe, wird irgendwann ein Einschreiben draus.

Ich werde müde.

Oder unkonzentriert.

Oder plötzlich dauert alles doppelt so lange wie sonst.

Früher dachte ich dann immer: „So jetzt aber, Jeaninechen… reiß dich mal zusammen. Los, los, los!!“

Heute denke ich etwas völlig anderes. Heute denke ich: „Aha. Nun denn… danke für die Information!“

Denn mein Körper möchte mich gar nicht ärgern. Er möchte mir etwas erzählen. Das Verrückte ist: Mit unseren Autos gehen wir oft viel liebevoller um als mit uns selbst. Wenn plötzlich die Tankanzeige aufleuchtet, käme doch niemand auf die Idee zu sagen: „Ach Quatsch. Stell dich nicht so an. Wir fahren jetzt einfach noch zweihundert Kilometer weiter.“

Nein. Wir tanken.

Oder zumindest suchen wir ziemlich zügig die nächste Tankstelle. Bei unserem eigenen Körper machen wir dagegen häufig genau das Gegenteil.

„Noch schnell die Küche.“

„Noch eben die Mail.“

„Das schaff ich jetzt auch noch.“

Und irgendwann wird aus einem kleinen Reservelämpchen eine große Kontrollleuchte. Noch ein wenig später blinkt da dann gar nix mehr. Dann bleibt das Auto einfach stehen.

Ich glaube, wir haben uns ein bisschen daran gewöhnt, ständig leistungsfähig sein zu wollen. Fast so, als wäre Erschöpfung etwas, das man möglichst geschickt ignorieren sollte. Dabei ist sie oft gar kein Gegner. Sondern nun mal einfach eine freundliche Information.

In der Stressforschung gibt es einen spannenden Begriff: allostatische Last. Hatte ich vorher noch nie gehört, aber voll spannend. Denn dahinter steckt die Erkenntnis, dass uns meist nicht der Stress selbst erschöpft. Unser Körper kann erstaunlich viel leisten. Problematisch wird es erst, wenn er immer wieder Belastungen ausgleicht, aber nie die Gelegenheit bekommt, sich vollständig zu erholen.

Mit anderen Worten: Nicht der anstrengende Tag macht uns auf Dauer müde. Sondern der anstrengende Tag… und der nächste… und der nächste… ohne zwischendurch einmal wirklich durchzuatmen. Ich bin deshalb inzwischen von etwas überzeugt, das ich früher völlig anders gesehen habe:

Ausruhen ist keine Unterbrechung meiner Produktivität.

Es ist ein Teil davon.

Um diese Erkenntnis in mein Leben zu holen, umzusetzen und zu integrieren, musste ich erst kapieren, dass eine Veränderung manchmal gar nicht damit beginnt, etwas Neues in sein Leben zu holen, sondern damit, etwas Altes loszulassen.

Den Gedanken, immer funktionieren zu müssen.

Das schlechte Gewissen, wenn man sich hinsetzt.

Oder die Gewohnheit, den Kopf grundsätzlich wichtiger zu nehmen als den Körper.

Denn seien wir mal ehrlich: Mein Kopf hat schon oft deklariert: „Ach komm. Das geht noch.“ Und klar… so hab ich voll viel im Leben gebacken bekommen. Aber mein Körper hatte erstaunlich oft recht, wenn er dann mal die Lämpchen angemacht hat.

Und deshalb nun zu dir: Wie wär’s wenn es vielleicht heute bei dir mal gar nichts zu beweisen gibt. Nimm dir lieber die Zeit, auf dein eigenes kleines Reservelämpchen zu hören, solange es noch freundlich blinkt. Denn wer immer erst anhält, wenn der Motor qualmt, hat das eigentliche Signal längst übersehen.

Ich wünsche dir heute den Mut, dich selbst genauso ernst zu nehmen wie die Tankanzeige in deinem Auto. Stell du dir heute einfach nur eine einzige Frage:

Welches kleine Lämpchen blinkt gerade in mir? Und was kann ich machen, um mich volle Kanne freundlich aufzutanken?

Bis zum nächsten Mal.

Ich drück dich,

Deine Jeanine

Es blinkt schon ganz heftig?

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Hör auf deinen Körper!

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Und frag dich, was dich genau jetzt wieder auftanken würde.

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