Sanft, aber blitzschnell
Brief 35
Wie schnell kannst du umschalten?
Also wirklich umschalten.
Nicht nur den Fernsehsender, sondern innerlich.
Von Konzentration zu Zuhören. Von Aktion zu Ruhe. Von „ich muss funktionieren“ zu „ich bin jetzt ganz da“. Ich hab jetzt auf Tour mal wieder gemerkt, dass das eine erstaunlich praktische Fähigkeit ist. Nach einem Konzert zum Beispiel.
Da steh ich zwei Stunden auf der Bühne, denk an Texte, Akkorde, Einsätze, Harmonien, Ansagen, Harfensaiten, Gefühle, Publikum, Licht, Luft, Atmung und darüber, ob der Trommler sich bei seiner Klingklangkombi neben mir denn auch wohl fühlt.
Das Gehirn läuft also volle Kanne auf Konzertmodus.
Und dann endet der letzte Ton.
Ich geh von der Bühne.
Und ungelogen drei Sekunden später erzählt mir jemand seine komplette Lebensgeschichte.
Mitten ins Gesicht.
Mit Herz.
Und mit einem offenen Vertrauen, dass mir manchmal ganz anders wird.
Und ich mag das wirklich sehr.
Ich empfinde das als unglaubliche Ehre.
Aber mein Gehirn muss dabei echt schnell sein:
Es muss sofort umschalten.
Von A-Dur auf Aufmerksamkeit.
Von Bühnenmodus auf Menschmodus.
Und irgendwann hab ich gemerkt, dass das tatsächlich eine Fähigkeit ist. Psychologen nennen das „kognitive Flexibilität“. Gemeint ist die Fähigkeit, innerlich zwischen verschiedenen Zuständen, Aufgaben oder Perspektiven zu wechseln, ohne komplett hängen zu bleiben wie ein alter Computer mit zu vielen offenen Programmen. Und das Tolle ist: Man kann das trainieren. Meditation hilft dabei tatsächlich sehr. Nicht, weil man dann plötzlich den ganzen Tag auf einer Wolke sitzt und Räucherstäbchen mümmelt. Sondern weil man übt, die Aufmerksamkeit bewusst umzulenken.
Weg vom einen.
Hin zum anderen.
Aber auch im Alltag trainieren wir diese Fähigkeit ständig.
Wenn du zum Beispiel gerade noch völlig genervt im Straßenverkehr warst und dann freundlich ans Telefon gehst.
Wenn du nach einem stressigen Tag plötzlich einem Kind zuhörst, das dir begeistert erklärt, warum ein Stein aussieht wie ein Dinosaurier.
Oder wenn du völlig erledigt einkaufen gehst und an der Kasse trotzdem kurz lächelst, obwohl dein Gehirn eigentlich nur noch ein Sack nasser Kartoffeln sein will.
All das sind kleine Umschaltmomente. Das Eine gehen lassen. Das Andere hereinbitten.
Und ich glaube, je bewusster man diese Übergänge wahrnimmt, desto leichter werden sie. Und ehrlich gesagt fühlt es sich ziemlich gut an, innerlich beweglich zu bleiben.
Denn das Leben verlangt das ständig von uns.
Es ruft uns aus Gedanken in Begegnungen.
Aus Stress in Nähe.
Aus Müdigkeit in Aufmerksamkeit.
Ich wünsch dir heute jedenfalls ein paar sanfte Übergänge.
Und die Fähigkeit, innerlich blitzschnell umzuschalten, ohne dich selbst dabei zu verlieren.
Atme einmal tief ein und sei DA.
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
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Blitzschnell umschalten!
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Das geht nur, wenn man bewusst im Augenblick ist.
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