5,3 ist ganz gut
Brief 28
Welche Zahl zwischen 1 und 10 bist du gerade?
Wenn man den Trommler fragt, wie es ihm geht, dann kriegt man eine Antwort. Es ist ziemlich sicher immer die gleiche: „Gut!“
Nicht hervorragend.
Nicht mittelmäßig.
Nicht existenziell erschöpft.
Nicht euphorisch.
Nix mit diesen tausend kleinen Nuancen, wie ich sie benutzen würde…als verkappter Fan der vielen Worte, der ich nun mal bin. Er sagt meist einfach: „Gut.“
Manchmal auch: „Ganz gut.“
Was, wie ich inzwischen gelernt habe, eher bedeutet: „Nicht ganz so gut.“
Natürlich ist der junge Mann mir inzwischen so vertraut, dass ich genau weiß, wie er drauf isr. Aber schwierig einzuschätzen ist so ein Mensch ja dann doch auch schon mal. Doch letztens hatte ich einen kleinen Durchbruch. Ich hab des Trommlers geheimen Code geknackt. Und da hab ich an dich gedacht:
Neulich waren wir beide ein bisschen erkältet. Schnodder, Taschentücher, dieser vernebelte Blick, den man bekommt, wenn der Kopf nicht so richtig klar ist. Wenn ich den Trommler dann frag, wie es ihm geht und er sein freundliches „ganz gut“ offenbart, weiß ich immer nicht so genau, was ich ihm dann „Gutes tun“ kann, damit er auf sein „gut“ kommt.
Also fragte ich ihn volle Kanne spontan mal was ganz anderes:
„Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo stehst du gerade“
Er überlegte.
„5.“
Interessant. Während er mit roten Augen und einem sich an der Nasenspitze sammelnden, leicht ins gelb gefärbten Tropfen grinsend diese „5“ deklarierte, wusste ich, was sein Tiefpunkt ist. Des Trommlers 1 ist eine 5. Darunter geht er nicht.
Als später am Tag der betäupelte Blick seiner blauen Augen tatsächlich ein Mühchen aufklarte, fragte ich ihn wieder. Siehe da, wir waren bei einer 5,3 angekommen. Ich war überrascht. Plötzlich waren da Dezimalstellen. Feinheiten. Abstufungen.
Und ich merkte: Zahlen öffnen etwas.
Psychologen arbeiten oft mit Skalen. Nicht, weil Gefühle mathematisch wären, sondern weil unser Gehirn Unterschiede besser wahrnimmt, wenn wir sie benennen. Wenn wir eine Zahl vergeben, verlassen wir das diffuse „geht so“ und betreten ein klareres Feld. Wir beginnen zu differenzieren.
Und das ist etwas völlig anderes.
Denn dann kommt die entscheidende Frage, die ich dir hier mal vorstellen mag. Ich fragte den Trommler als nächstes: „Wie würden wir denn bei einer 5,4 landen?“
Nicht auf 10.
Nicht auf Weltfrieden.
Nicht auf alles perfekt.
Nur ein kleines Stück höher.
Vielleicht ein Glas Wasser.
Vielleicht fünf Minuten frische Luft.
Vielleicht eine Mail weniger.
Vielleicht eine kurze Bewegung.
Vielleicht eine palumpelnde Pause.
Seine Antwort war ein klägliches verschnupftes Murmeln: „Ein Tee.“
Na bitte. Damit konnte ich arbeiten. Ein Tee ist etwas Greifbares.
Unser Gehirn reagiert erstaunlich gut auf kleine, erreichbare Schritte. Es liebt Fortschritt, selbst wenn er nur 0,3 Punkte beträgt. Motivation entsteht selten durch große Vorsätze, sondern durch spürbare, machbare Veränderungen.
Es gibt ein Zitat von Peter Drucker, das ich sehr mag:
„What gets measured gets managed.“
Also salopp übersetzt: „Was wir wahrnehmen und benennen, können wir beeinflussen.“
Und vielleicht gilt das auch für unser eigenes Wohlbefinden. Seitdem nutz ich diese Technik jedenfalls sehr begeistert auch für mich selbst. Ich frag mich morgens: Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo bin ich gerade?
Und dann ganz freundlich:
Was würde diese Zahl ein kleines Stück anheben?
Probier das einfach mal aus. Vielleicht funktioniert es für dich genauso wie für uns. So oder so entwickelst du ein Gefühl für deine eigene Energie. Für deine Ressourcen. Für dein Inneres.
Und das ist vielleicht die eigentliche Motivation:
Nicht ständig auf 10 zu wollen.
Sondern bewusst wahrzunehmen, wo man steht, um sich selbst einen halben Punkt mehr zu schenken.
Ich wünsch dir heute ehrliche Zahlen.
Und vielleicht eine kleine 0,3 nach oben.
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
Ein wenig besser wäre ganz gut?
Hier klicken…
Frag dich, wo du jetzt von 1-10 stehst.
_______________
Und dann finde raus, was dich 0,3 Punkte besser fühlen lassen würde.
Du hast Lust darauf, mir auf diesen Brief zu antworten?
Prima!!
Hier kannst du mir deine Gedanken gerne senden…
Ich antworte, so schnell ich kann 🙂
