Was ist hier schön?

Brief 40

Kennst du diese Momente, die sich irgendwie ziehen?

Also nicht unbedingt die ganz schlimmen.

Eher diese kleinen, zähen Situationen, bei denen man irgendwann denkt: „Och nöööö… muss das jetzt wirklich noch so lange dauern?“

Ich kenn das.

Und ich hab es mir früher dabei oft noch viel unangenehmer gemacht. Wenn ich irgendwo war, wo ich gerade nicht unbedingt sein wollte, hab ich angefangen, über alles nachzudenken, was ich stattdessen machen könnte. Was jetzt mehr Spaß machen würde. Was sinnvoller wäre. Was ich alles schaffen könnte, wenn ich nur nicht genau hier festhängen würde.

Und damit hatte ich dann plötzlich zwei Probleme.

Ich war in einer Situation, die ich doof fand.

Und gleichzeitig dachte ich die ganze Zeit darüber nach, wie viel schöner mein Leben gerade wäre, wenn ich woanders wäre.

Das ist ungefähr so, als würde man beim Zahnarzt im Wartezimmer sitzen und sich währenddessen hundertmal erzählen, wie schön es zuhause auf dem Sofa wäre. Das Sofa wird dadurch nicht näher. Das Wartezimmer aber deutlich länger. Irgendwann hab ich angefangen, etwas anderes auszuprobieren. Wenn ich merke, dass sich so ein Moment zieht, frage ich mich nicht mehr:

„Was würde ich jetzt lieber machen?“

Sondern:

„Was ist hier gerade schön?“

Und das ist erstaunlich. Denn selbst in einem Moment, der nervt, gibt es fast immer irgendetwas.

Ein Licht.

Eine Stimme.

Eine lustige Bewegung.

Ein Geruch.

Ein Stück Himmel.

Die kleinen Kringel über einem dampfenden Kaffee.

Oder irgendeinen anderen völlig belanglosen Quatsch, der einen für drei Sekunden zum Schmunzeln bringt. Man muss es nur suchen…

Das hab ich auf unseren langen Autofahrten gelernt.

Der Trommler und ich verbringen ja als Musiker zwangsläufig ziemlich viel Zeit auf den Straßen dieser Welt. Und ich fand lange Strecken im Wohnmobil ungefähr so spannend wie das Sortieren von unseren Steuerunterlagen.

Ich hab mich also hingesetzt und während der Fahrt darüber nachgedacht, was ich jetzt alles machen könnte, wenn ich nicht gerade… fahren würde.

Das machte die Fahrt nicht kürzer. Es machte sie nur doofer.

Dann hat mir eine richtig gute Freundin irgendwann erzählt, dass sie gerade das am Wohnmobilfahren liebt!!!!

Die langen Strecken. Das Unterwegssein. Das Schauen. Ich war völlig entgeistert. Wie bitte?

DAS?

Das sollte schön sein?

Also hab ich es ausprobiert. Und siehe da. Es geht. Ich gucke seitdem aus dem Fenster und halte Ausschau…

Nach Blümchen.

Nach hübschen Vorgärten.

Nach Häusern, bei denen ich mir sofort überlege, was ich dort alles basteln würde.

Nach lustigen Schildern.

Nach Tieren.

Nach Dingen, die ich sonst wahrscheinlich übersehen hätte.

Und wenn Klopsi während der Fahrt wieder so schön vor sich hin schaukelt, denke ich nicht mehr:

„Boah, ist das anstrengend.“

Ich denke:

„Ah. Bauchmuskeltraining. Für umme.“

Man kann schließlich fast alles ein bisschen anders betrachten. Und plötzlich ist die lange Strecke nicht mehr die Zeit, in der ich auf etwas anderes warte. Sie ist einfach die Zeit, in der ich gerade bin. Ich glaube, genau das ist der kleine Trick. Wir können nicht immer entscheiden, was gerade passiert.

Aber wir können erstaunlich oft entscheiden, wonach wir darin suchen. Und vielleicht ist das eine viel freundlichere Form von Gute Laune als dieses künstliche „Ach, alles ist wunderbar!“.

Manchmal ist eben etwas doof. Manchmal zieht sich etwas. Manchmal sitzt man irgendwo und denkt: „Ich wär jetzt wirklich lieber woanders.“ Dann darf das auch so sein.

Aber vielleicht lohnt sich zusätzlich ein kleiner Blick durch die Gegend. Nicht nach dem, was fehlt. Sondern nach dem, was gerade trotzdem da ist. Vielleicht ein Blümchen. Vielleicht ein Lächeln. Vielleicht Bauchmuskeltraining in Klopsi.

Oder vielleicht einfach nur der Gedanke:

„Aha. Ich bin jetzt gerade hier. Na dann gucken wir doch mal, was es hier so gibt.“

Ich wünsche dir heute ein paar kleine Überraschungen in Situationen, die du dir vielleicht nicht ausgesucht hättest. Und wenn sich heute irgendwo ein Moment ganz fürchterlich zieht, dann frag dich nicht: „Was würde ich jetzt lieber machen?“ Sondern: „Was ist genau jetzt trotzdem schön?“

Bis zum nächsten Mal.

Ich drück dich,

Deine Jeanine

Es nimmt und nimmt kein Ende?

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