Die Küchen-WG
Brief 34
Woran merkt man eigentlich, dass man gerade denkt?
Also wirklich. So richtig in echt.
Nicht einfach nur: „Ja klar, ich denk halt… was hat denn die Tante mit der Harfe?“
Sondern wirklich ganz konkret:
Woran merkt man es in genau diesem Moment?
Ich hab über die letzten Jahrzehnte nicht nur mir selbst diese Frage gestellt, sondern so manches Menschlein damit genervt. Faszinierenderweise antworten die meisten Menschen darauf erstmal… gar nicht. Ich krieg höchstens eine hochgezogene Augenbraue zurück.
Und das ist doch komplett total abgefahren, denn wir denken ja die ganze Zeit!!!
Ununterbrochen.
Gedanke folgt auf Gedanke folgt auf Gedanke.
Und trotzdem bemerken wir es oft nicht.
Zum ersten Mal ist mir die ganze Nummer mit dem Denken mit Anfang Zwanzig aufgefallen. Es war ein Satz in irgendeinem Buch. Das weiß ich noch genau. Ich saß auf der Couch und bin spontan in Tränen ausgebrochen… für mich ein wahrlich ungewöhnliches Verhalten. Aber in dem Buch stand einfach nur: „Was denkst du gerade?“
Das hatte ich mich vorher nie gefragt und war deshalb von einer Sekunde zur anderen verblüffend aufgewühlt: Alle meine Gedanken waren gruselig und unangebracht schlecht. Vor allem über mich selbst. Ich fand mich doof. Ich fand mich hässlich. Ich fand mich dumm. Ich fand mich langweilig. Eine wilde Kombination von bemerkenswert furchtbarem Zeug fand sich in meinen Gedanken auf höchst phantasievolle Weise zusammen.
Das wollte ich ändern! Das musste ich ändern! Ich wollte fröhliche Dinge denken und mit dem ganzen Zeug in meiner Rübe war es schlicht unmöglich, so etwas duftes wie Gute Laune zu kultivieren.
Also. Was hab ich gemacht?
Ich hab mir dafür irgendwann ein Bild gebaut, das mir bis heute hilft. Und das will ich dir jetzt einmal unterjubeln:
Ich stelle mir vor, dass in meinem Kopf eine kleine Küchen-WG wohnt.
Am Anfang war das übrigens keine besonders aufgeräumte!
Da sitzt jemand am Küchentisch und redet.
Die ganze Zeit.
Da sitzt der berühmte Kartoffelklaus und plappert frech vor sich hin.
Kommentiert alles.
Bewertet alles.
Denkt sich Dinge aus.
Erfindet Geschichten.
Macht Prognosen.
Und hat zu allem eine Meinung.
Und das Verrückte ist:
Lange Zeit hab ich gedacht, DASS ICH DAS BIN!!!!! Dass ich da alleine in der Stube hocke!
Bis ich irgendwann gemerkt habe:
Moment mal… ich kann dem ja zuhören. Also kann ich es nicht sein! Ich sitz da nicht alleine in der Küche. Es handelt sich um eine WG! Es hat sich ein Kartoffelklaus in meiner Küche eingenistet!
Und genau da passiert etwas Entscheidendes.
In der Psychologie nennt man das „Metakognition“ – also die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre Gedanken bewusst wahrnehmen, besser mit Stress umgehen und klarer entscheiden.
Oder einfacher gesagt:
Wenn du merkst, dass du denkst, hast du plötzlich eine Wahl.
Vorher sitzt du mitten in der WG-Diskussion.
Danach lehnst du dich zurück und hörst zu.
Ich hab mir angewöhnt, mir zwischendurch ganz bewusst die Frage zu stellen:
„Was erzählt der Typ da eigentlich gerade?“
Und dann wird’s interessant. In dem Moment, in dem ich höre, was da oben in meiner Küchen-WG von sich gegeben wird, passiert etwas Magisches:
Ich bin nicht mehr mitten drin.
Ich bin die, die zuhört.
Und dann sind die Gedanken, dieses ewige Geplapper, beweglich.
Sie sind nicht mehr die Wahrheit, sondern eher Vorschläge.
Das ist der Punkt, an dem Veränderung überhaupt erst möglich wird.
Denn du kannst nichts verändern, was du nicht bemerkst.
Vielleicht magst du das heute mal ausprobieren.
Es ist nicht kompliziert.
Es ist nicht abgehoben.
Es ist ganz praktisch:
Stell dir vor, da oben sitzt jemand in deiner Birne und plappert.
Und du setzt dich einfach mal höflich an den Küchentisch und hörst zu.
Was wird da gerade gesagt?
Ohne Bewertung.
Ohne Eingreifen.
Einfach nur bemerken.
Und wer weiß… vielleicht stellst du fest,
dass du gar nicht alles glauben musst, was da so erzählt wird.
Ich wünsch dir heute einen guten Draht zu deinem inneren Kartoffelklaus.
Und ein paar Momente, in denen du einfach nur zuhörst.
Denn du katapultierst dich damit in eine unglaublich machtvolle Position:
Du merkst, DASS du denkst.
Du lernst, WAS du denkst.
Und du bekommst DIE WAHL geschenkt, das weiterzudenken oder es zu verändern. Je nachdem, was dir lieber ist.
Voll abgefahren, oder?
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
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Und lausche deinem inneren Kartoffelklaus!
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Prima!!
Hier kannst du mir deine Gedanken gerne senden…
Ich antworte, so schnell ich kann 🙂
