Das schwangere Kaninchen
Brief 33
Kennst du diese kleinen Geschichten, die dein Kopf sich über andere Menschen ausdenkt?
Also nicht laut.
Nicht offiziell.
Aber so ganz nebenbei im Kopf.
Jemand antwortet kurz angebunden.
Und die Geschichte ist: „Boah, ist der genervt.“
Jemand guckt schief.
Und man nimmt automatisch an: „Super. Jetzt hab ich wieder irgendwas falsch gemacht.“
Jemand sagt was Komisches.
Und wir denken: „Na toll. Watt’n Kartoffelklaus.“
Unser Gehirn ist da wirklich schnell.
Also wirklich schnell.
So „ich hab schon eine komplette Geschichte erfunden, bevor du überhaupt zu Ende gesprochen hast“-schnell.
Und das Gemeine ist:
Die Geschichten sind selten besonders freundlich.
Das ist bei mir ja auch nicht anders. Aber ich wollte das unbedingt ändern und hab mir deshalb irgendwann angewöhnt, das Ganze ein bisschen umzudrehen. Hier ist, wie es für mich funktioniert:
Ich unterstelle einfach was Nettes.
Verrückt, oder?
Oder zumindest was Harmloses.
Am liebsten geh ich davon aus, dass deren Kaninchen gerade schwanger ist.
Warum auch nicht?
Jemand ist pampig zu mir?
Das Kaninchen ist schwanger. Für denjenigen werden bald ganz ganz ganz viele kleine Kaninchen in sein Leben kommen und seine Bude ist zu klein. Natürlich erscheint der da etwas verpalumpelt.
Jemand antwortet mir nicht?
Kaninchen. Ganz klar. Wahrscheinlich ist er gerade dabei, ein winziges Kaninchenbettchen zu bauen und macht sich im Hinterkopf die ganze Zeit Gedanken über Kaninchenbettchenbauanleitungen. Da hat er einfach vergessen, mir zu antworten. Halb so schlimm.
Jemand guckt mich an, als hätte ich ihm den letzten Keks geklaut?
Du ahnst es schon. Der schläft seit drei Nächten nicht, weil sein Kaninchen jetzt in den Wehen ist und die ganze Nacht so komisch kaninchenmäßig durchgefiept hat. Der Keks hätte ihm echt geholfen.
Das klingt komplett bekloppt.
Ist es auch ein bisschen.
Aber weißt du, was passiert?
Ich bin plötzlich nicht mehr damit beschäftigt, den anderen innerlich zum Kartoffelklaus zu erklären.
Ich geh nicht sofort in Verteidigung.
Ich muss mich nicht innerlich zusammenrollen wie ein beleidigtes kleines Mimöschen.
Ich bleib… entspannt. Quasi voll bei meiner eigenen Guten Laune!
Und das hat sogar einen ziemlich handfesten Grund:
Unser Gehirn reagiert stark auf die Bedeutung, die wir einer Situation geben. Wenn wir etwas als Angriff interpretieren, fährt das Stresssystem hoch. Wenn wir aber denken, „Ach, da ist wahrscheinlich gerade irgendwas anderes los“, bleibt es ruhig.
Oder anders gesagt:
Nicht die Situation stresst uns, sondern die Geschichte, die wir uns darüber erzählen.
Und wenn du statt
„Der meint das gegen mich“ plötzlich denkst „Vielleicht ist gerade einfach sein Kaninchen schwanger“, dann verändert sich dein ganzer Umgang mit der Situation.
Du wirst neugieriger.
Freundlicher.
Offener.
Und manchmal passiert dann etwas voll Abgefahrenes:
Der andere merkt das.
Und wird auch entspannter.
Und plötzlich stehen da nicht mehr zwei Menschen, die sich gegenseitig innerlich anknurren, sondern zwei, die sich einfach ein bisschen besser verstehen.
Natürlich klappt das nicht immer.
Es gibt Tage, da ist kein Kaninchen groß genug, um alles zu erklären.
Aber erstaunlich oft hilft dieser kleine Trick.
Deshalb mein Vorschlag für heute:
Wenn dir jemand begegnet, bei dem du innerlich schon denkst „Oh nein…“, dann probier es mal.
Unterstell doch einfach was Nettes.
Oder wenigstens was Harmloses.
Oder… du weißt schon.
Ich wünsch dir heute viele entspannte Begegnungen.
Und mindestens ein imaginär schwangeres Kaninchen.
Bis zum nächsten Mal.
Ich drück dich,
Deine Jeanine
Dein Gegenüber passt dir gerade nicht?
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Unterstell ihm nix Böses.
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Denk dir lieber eine lustige Erklärung aus. Oder wenigstens eine harmlose… eine mit ganz vielen schwangeren Kaninchen!!!
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